• Rede von Prof. Zeiss anlässlich der VDRJ Columbus Ehrenpreisverleihung

    Posted on Januar 18, 2015 by in Alle Artikel, Gedanken

     

    Am 18. Januar 2015 wurde Prof. Dr. Harald Zeiss von der Vereinigung deutscher Reisejournalisten mit dem Columbus Ehrenpreis ausgezeichnet. Anlässlich dieser Auszeichnung finden Sie hier die Dankesrede von H. Zeiss.

    Zusätzliche Informationen zum Columbus Ehrenpreise sowie weiterführende Links: www.vdrj.de

     

    Liebe Mitglieder der VDRJ, sehr geehrte Damen und Herren,

    Ich freue mich sehr über den Columbus-Ehrenpreis! Mal ehrlich, einen Preis für hervorragende Verdienste um den Tourismus zu erhalten, ist eine einmalige Angelegenheit. So einmalig, dass ich mir die Frage stelle, ob ich jetzt nicht aufhören und in Rente gehen sollte – denn was kann in den nächsten 20 Jahren noch kommen?

    Nein, im Ernst, ich bin mir darüber im Klaren, dass der Columbus nicht als krönender Abschluss verstanden werden darf, sondern vielmehr als Anreiz, Aufforderung und Ansporn noch mehr zu unternehmen. Die Entdeckung Amerikas war schließlich auch nicht das Ende, sondern ein Anfang einer weiteren, größeren Entwicklung.

    Zuerst einmal möchte ich der Jury, und damit allen Mitgliedern der VDRJ, einen großen Dank aussprechen, dass – mal wieder – der Themenkomplex Nachhaltigkeit im Tourismus ausgezeichnet wurde. Wenn man auf die lange Liste der Columbus-Ehrenpreisträger schaut, ist deutlich erkennbar, dass nicht die großen ökonomischen Taten touristischer Persönlichkeiten ausgezeichnet wurden. Geehrt wurden viel mehr die kleineren Taten von Individualisten, Querdenkern und Mahnern wie bpsw. Peter Zimmer, Michael Iwand, Robert Rogner, Heinz Fuchs oder Armin Vielhaber. Von Künstlern wie César Manrique oder Friedrich Hundertwasser ganz zu schweigen.

    Um den nachhaltigen Tourismus auszuzeichnen, braucht es von Seiten der Reisejournalisten nicht nur Weitsicht, sondern auch Mut. Warum? Das liegt in der Natur der Sache: einen 100% nachhaltigen Tourismus gibt es nämlich nicht. Und die Frage ist, ob es ihn jemals geben wird.

    Wir alle hier kennen die zwei Seiten des Tourismus, die in einem asiatischen Sprichwort treffend dargestellt werden. Das Sprichwort sagt: „Tourismus ist wie Feuer: man kann damit eine Suppe kochen. Man kann damit aber auch sein Haus abbrennen.“

    Die Zutaten für eine gute Suppe sind allgemein bekannt und auch schon hinreichend untersucht worden:

    • Der Tourismus bringt – meist dringend – benötigte Devisen in die Urlaubsländer. Daher ist Tourismus auch ein Exportgut.
    • Tourismus schafft Arbeitsplätze und Einkommen in Hotels, bei Zulieferern aus der Landwirtschaft, bei Handwerkern und Kunstgewerbetreibenden sowie bei Naturschützern
    • Tourismus erreicht den ländlichen Raum, weit entfernt von Großstädten, und dort wo Tourismus stattfindet, mangelt es mitunter an anderen Arbeitgebern
    • Damit fördert er den Binnenkonsum und die Wirtschaft vor Ort, bringt Steuereinnahmen, motiviert den Ausbau einer wirtschaftlichen Infrastruktur und trägt zur Armutsminderung bei.
    • Und Eintrittsgelder helfen bei der Finanzierung einer Vielzahl der weltweit mehr als 12.000 Schutzgebiete. Selbst der WWF wirbt für die Inwertsetzung von Natur und Landschaft mit der Aufforderung „use it or loose it”

    So viel zur Suppe. Doch wie sieht es mit der Gefahr für einen Hausbrand aus?

    Die negativen ökologischen und sozialen Folgen von Tourismus, vor allem in den Entwicklungsländern, sind uns ebenfalls bekannt:

    • CO2-Emissionen durch die An- und Abreise mit dem Flugzeug, dem Auto oder dem Bus
    • Umweltverschmutzungen vor Ort, durch mangelnde Infrastruktur oder fehlenden politischen Willen
    • Häufig nicht wieder herstellbare Landschaftsschäden und der Verlust von Korallenriffen an den Stränden.
    • Ein enormer Ressourcenverbrauch, egal ob nun Wasser, Nahrungsmittel oder Energie betrachtet werden
    • Abnahme der Artenvielfalt durch Zerstörung natürlicher Lebensräume von Tieren und Pflanzen
    • Aber auch die traditionellen Lebensweisen und landestypische Kultur der Gastgeber verändern sich. Hier spricht man von Akulturationseffekten.

    Das touristische Feuer kann in der Tat die Hütte abbrennen. Aber ohne Feuer wird es auch keine Suppe geben.

    Was tun? sprach Zeus. In der griechischen Mythologie hat Prometheus den Menschen das Feuer gebracht. Hatte ihn damals jemand beschuldigt, dass seine Gabe auch eine Hütte abbrennen lassen kann?

    Gibt es Analogien zum Tourismus? Ich finde schon!

    Genauso wenig wie das Feuer kann man den Tourismus selbst für seine Eigenschaften verantwortlich machen. Es sind die Menschen, die entscheiden müssen, wie sie damit umgehen. Die Verantwortung liegt bei allen Beteiligten, also den Gästen und den Gastgebern. Selbstverständlich auch bei den Reiseveranstaltern und den Leistungsträgern wie Hotels oder Airlines. Und sie liegt auch bei den Medien, die die Gesellschaft über Vor- und Nachteile von Tourismus aufklären muss. Demnach also auch bei Ihnen, sehr verehrte Mitglieder der VDRJ.

    Unsere gemeinsame Aufgabe wird sein, mehr Suppe zu kochen und weniger Hausbrände zu verursachen. Wie soll das gehen? In dem der Tourismus Schritt für Schritt nachhaltiger wird. Wenn wir nur die 100% Lösung eines nachhaltigen Tourismus akzeptieren, dann wird es ihm ergehen wie dem so genannten “sanften” Tourismus oder dem “Öko-Tourismus”, die nicht die erwünschte breite Wirkung erbracht haben. Denn sie sind praktisch nur eine “Insellösung” geblieben, während die Masse weiter gemacht hat wie bisher.

    Tourismus wird für heutige und künftige Generationen

    • ethisch und sozial gerecht und kulturell angepasst sein müssen,

    • ökologisch tragfähig und

    • wirtschaftlich sinnvoll.

    Das hat die Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen bereits 1997 beschrieben.

    Das bedeutet für jeden einzelnen, dass er und sie Reiseentscheidungen hinsichtlich ökologischer Schäden, sozialem Nutzen und ökonomischen Vorteilen überprüfen muss. Wie lange reise ich? Wohin? Was habe ich dort vor? Und vor allem: geht es nicht auch klimafreundlicher und genügsamer?

    Wann haben wir unsere Reisegewohnheiten das letzte Mal hinterfragt?

    Ziel ist nicht, den Tourismus abzuschaffen. Aber es muss auch klar sein, dass nicht alles, was machbar ist, auch gemacht werden muss.

    • Ich sehe keinen Platz in dieser Welt für 3-Tage-Christmas-Shopping in New York!
    • Ich sehe auch keine Rechtfertigung für Helikopter-Anreisen zu Hotels, die bequem per Transferbus erreichbar sind!
    • Und mir erschließt sich auch nicht, warum es Golfplätze in der Wüste geben muss!

    Wir werden es den Menschen nicht verbieten können. Aber jeder sollte über seine eigenen Entscheidungen nachdenken und prüfen, ob diese im Einklang mit einer nachhaltigeren Lebensweise stehen.

    Unsere Gewohnheiten werden einen großen Einfluss auf den Tourismus der Zukunft haben. Zur Umsetzung von Nachhaltigkeit im Tourismus wird auch die Entwicklung einer entsprechenden neuen Reisekultur notwendig sein. Urlaub und Erholung müssen wieder als Möglichkeit zu persönlichem Wachstum bei gleichzeitig verantwortungsbewusstem Verhalten gesehen werden.

    Die höchste Entwicklungsstufe des Tourismus kann doch nicht ernsthaft sein, dass man in einem namenlosen Hotel, an einem namenlosen Strand den ganzen Tag geröstet wird, und sich zwischendurch an einem langen Buffet bei deutscher Animation den Bauch mit Schnitzel und Pommes füllt. Das können wir nicht wollen! Und es geht auch anders. Zumindest stimmen mich neue, nachhaltigere Hotelkonzepte wie Viverde hoffnungsvoll.

    Richtiges Reisen bildet und erweitert den Horizont. Es weckt Verständnis für andere Kulturen und kann völkerverbindend Freundschaften aufbauen. Das erfordert weit mehr als nur oberflächliche Begegnungen mit den Gastgebern. Kulturelle Erfahrungen sammeln kann nur der, der es nicht allein auf Samba, Sonne und Strand abgesehen hat. Es ist nicht ausreichend, zu den Stätten der Kultur zu reisen. Es geht um die Kultur des Reisens selbst. “Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.” Wie es schon Goethe richtig formulierte.

    Dafür müssen neue Anreize gesetzt, spannende Produkte entwickelt und vor allem die Verwendung und Verschwendung unserer Ressourcen deutlich reduziert werden. Die lokale Bevölkerung in den Urlaubsländern, unsere Gastgeber, müssen politische Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten erhalten. Es ist wichtig, dass diese Menschen selbst über die Tourismusentwicklung entscheiden können. Denn wir bringen das Feuer für deren Suppe. Und damit müssen wir sorgsam umgehen.