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VonHarald Zeiss

Darf man noch in den Urlaub fliegen?

Im Moment darf man nur in Europa in den Urlaub fliegen, denn die Bundesregierung hat eine Reisewarnung veröffentlicht, um die Bevölkerung vor der weiteren Ausbreitung des Corona-Virus zu schützen. Aber darauf zielt die Frage nach dem Flug in den Urlaub ja auch nicht ab. Der Tag wird bald kommen, an dem wir alle rein rechtlich wieder in den Urlaub fliegen dürfen. Weiter bleiben wird allerdings die Frage, ob es auch aus ethischer Sicht erlaubt ist?

Was sollte dagegen sprechen? Die Klimaemissionen des Flugzeugs, die unseren Planeten vor große Herausforderungen stellen? Weil so ein Flug im Verhältnis zu anderen Aktivitäten unglaublich viel CO2 emittiert? Oder der Umstand, dass nur eine Minderheit – nämlich wir aus der westlichen Welt – fliegt und nur 20 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt einmal ein Flugzeug betreten haben? Aber alle Menschen auf der Welt die Auswirkungen des Klimawandels spüren? Vor allem die Menschen im Globalen Süden, die sich vor Überschwemmungen und Dürren gar nicht schützen können. 

Fliegen wird immer mehr zu einer Gewissens- und Glaubensfrage. Das beobachtet auch die Internationale Flugorganisation ICAO. Sie hat einen Maßnahmenplan verabschiedet, der Fliegen wieder klimafreundlicher machen soll. Der Plan heißt CORSIA und sieht vor, dass die künftigen Emissionen in Klimaschutzprojekten kompensiert werden sollen. Der Plan hat aber einige Schwächen und wird von Umweltschutzorganisation scharf kritisiert. Viele Punkte bleiben unklar und die ICAO hofft vor allem, dass ein technologischer Fortschritt alle Probleme in der Zukunft beseitigen wird. Dieser Fortschritt muss aber noch erfunden werden.

So bleibt es am Reisenden, zu entscheiden, was jetzt richtig und was falsch ist. Und das ist keine leichte Entscheidung. Meiner Meinung nach ist schon viel erreicht, wenn wir uns alle einfach mehr Gedanken machen und einen Flug als etwas Luxuriöses ansehen, das man sich nur selten gönnt. Ein Wochenendtrip nach Barcelona für 49 Euro wäre dann nicht mehr drin. Dafür aber vielleicht ein Urlaub in einem Land, den man seltener macht, dafür aber länger plant, um sich mit der Kultur, den Menschen und den Besonderheiten auseinander setzt. Denn Reisen soll verbinden und Brücken bauen. Und dafür wäre ein Flug notwendig und vielleicht auch gerechtfertigt.

VonHarald Zeiss

Corona – eine Chance für mehr Nachhaltigkeit?

Das Corona-Virus hat die ganze Welt im Griff und kaum ein Tag vergeht, an dem es keine schlechten Nachrichten aus der Tourismusbranche gibt. Länder verbieten – zu recht – das Reisen und somit bleiben den Hoteliers und Gaststätten, Ausflugsanbietern und Kreuzfahrtschiffen die Urlauber aus. Auch der Geschäftsreisemarkt ist fast vollständig zum Erliegen gekommen, genauso wie der internationale Flugverkehr.

Dabei liebt die Normalität nur einige Wochen zurück und bereits jetzt stellen sich einige bang die Frage, was vom Tourismus nach der Krise übrig bleibt, wenn viele Reiseveranstalter, Reisebüros und Leistungsträger Insolvenz anmelden müssen. Oder wenn die Urlauber aufgrund von Gehaltskürzung durch Kurzarbeit und Selbstständige ohne Einkommen bei den Reisebuchungen künftig weniger Geld für Urlaub in der Tasche haben.

Da bleibt wenig Hoffnung auf positive Nachrichten und Effekte, die aus der Corona-Krise folgen könnten. Aber es gibt tatsächlich schon einige Stimmen, die laut überlegen, ob der Tourismus nicht aus der Krise lernen könnte und sich eine stärkere Widerstandskraft gegen derartige Ereignisse antrainieren könnte. Vor allem die geringe Liquidität und die prekären Arbeitsbedingungen spielen bei diesen Überlegungen eine Rolle, aber auch die Globalisierung des Flugverkehrs, der nur der Spiegel unserer schneller-höher-weiter-Gesellschaft ist.

Könnte die Corona-Epidemie am Ende auch zu einem nachhaltigeren Tourismus führen?

Was wären die Weichen, die gestellt werden müssten, um der Welt dauerhaft eine Verschnaufpause zu gönnen? Die Delfine, die es wieder in der Bucht von Venedig gibt, sind nur ein Beispiel der positiven Nachrichten aus der Presse. Aber sie sind vielleicht auch ein guter Indikator für die Zukunft, dass wir stärker auf die Notwendigkeit eines sanfteren Tourismus achten.

Im Geschäftsreisemarkt werden heute schon die größten Veränderungen erwartet. Sehr viele Arbeitnehmer sind aufgrund von Homeoffice-Vorgaben zu Videokonferenz-Spezialisten geworden. Diese Fertigkeiten werden nach Wochen der Praxis so schnell nicht wieder abgelegt und künftig auf eine größere Bereitschaft der Nutzung stoßen. Hier ist auch der Hebel am größten, denn schneller und umweltfreundlicher geht es anderswo nicht.

Ob sich die erholungsuchenden Urlauber künftig an den Computer setzen um den Strand zu genießen, darf gerne bezweifelt werden. Was man jedoch erwarten kann ist, dass Menschen größere Gruppen instinktiv vermeiden werden – zumindest so lange es keine funktionierende Impfung gibt. Das wäre fatal für den Massentourismus, der sich genau über dieses Kriterium definiert. Gewinner werden kleine Hotels und Gaststätten sein, die den Wunsch nach Individualität und Abgrenzung am besten umsetzen können. Auch die Kreuzfahrt wird mit massive Anfangsschwierigkeiten rechnen müssen, bis das Virus vollständig unter Kontrolle ist.

Was bleibt am Ende? Sicherlich eine deutliche Verbreitung von Hygienevorschriften und Desinfektionsspendern in öffentlichen Bereichen. Vielleicht werden wir an Flughäfen ein Temperaturmessgerät genau so sehen wie den Ganzkörperscanner, an den sich die Flugreisenden seit 9/11 gewöhnt haben. Dass wir Flüssigkeiten nicht mehr ins Flugzeug nehmen dürfen, ist hinlänglich bekannt. Dass wir künftig im Flugzeug Masken tragen vielleicht noch Utopie, aber vermutlich schneller unser Alltag als vielen heute bewußt ist.

Auf jeden Fall werden wir mit der nächsten Pandemie schneller und professioneller umgehen, nachdem weltweit gelernt und verstanden wurde, auf was es ankommt.

Im Zweifel steht die Gesundheit der Menschen immer über der Gesundheit der Wirtschaft.

Und die Wirtschaft ist gut beraten, sich darauf einzustellen, und die eigene Widerstandskraft für die Zukunft auszubauen. Wer allerdings die Krise übersteht, der wird wachsen können, auch weil der ein oder andere Mitbewerber nicht mehr am Markt sein wird.

VonHarald Zeiss

Der Klimawandel: Hase und Igel Wettrennen für den Luftverkehr

Der menschengemachte Klimawandel stellt eine ernsthafte Bedrohung unserer Zukunft dar. In den letzten Monaten scheint einige Bewegung in die Branche gekommen zu sein, um Antworten auf die drängende Frage zu bekommen, wie wir unsere Mobilität im Tourismussektor ändern müssen. Dabei gerät der Luftverkehr in einen besonderen Fokus, denn er hat gleich mehrere Probleme, die es zu lösen gilt:

  • Der Luftverkehr wächst sehr viel stärker als die meisten anderen Verkehrsträger. 
  • Der Luftverkehr führt zu deutlich höheren Klimabelastungen als alle anderen Verkehrsträger.
  • Der Luftverkehr kann noch keine technische Lösung präsentieren, wie eine klimaneutrale Fortbewegung möglich ist. 

Zwar hat die ICAO mit dem CORSIA-Modell den Versuch unternommen, eine internationale Regelung zu finden, wie die Luftverkehrswirtschaft schonend auf diese Herausforderungen vorbereitet werden könnte, aber das CORSIA-Modell hat einige deutliche Schwachstellen:

  • Die nationale Luftfahrt ist überhaupt nicht reguliert, spielt aber in Flächenstaaten wie den USA, Kanada, Russland und China eine große Rolle hinsichtlich der Klimaemissionen.
  • Klimaeffekte, die durch den Ausstoss von Klimagasen in Höhen um 10.000 Meter entstehen, sind nicht berücksichtigt, obwohl deren Wirkung das zwei- bis dreifache der bodennahen Emissionen bedeutet.
  • Die Teilnahme ist weitgehend freiwillig und wirtschaftsschwache Länder sind von CORSIA befreit.
  • Es werden nur zusätzliche Emissionen berücksichtigt. Der heute bereits bestehende Sockel an Emissionen bleibt unverändert hoch.
  • Technologisch gibt es kaum Lösungen, schon gar nicht, um alle Emissionen zu vermeiden. Daher setzt CORSIA auf Kompensationsprojekte, bei denen aber auch Waldschutzprojekte (REED) berücksichtigt werden, die sehr stark in der Kritik stehen.

Am Ende bleibt der Luftverkehrswirtschaft nur die Hoffnung, dass kleine technische Verbesserungen zumindest einen Teil der Klimabelastung auffangen können. So hat die Einführung von Winglets und Sharklets den Treibstoffverbrauch um 3-4 % reduzieren können. Neue Werkstoffe, leichtere Bauteile und sogar Lackierungen, wie bspw. von TIB Chemicals, helfen Treibstoff zu sparen. Und vor allem effizientere Motoren senken den Kerosinverbrauch pro Gast und Kilometer deutlich. 

Aber das Wachstum der Reisenden führt letztendlich dazu, dass diese relativen Verbesserungen durch den absoluten Mehrverbrauch an Kerosin deutlich übertroffen werden. Die Luftfahrtbranche hat also noch sehr viele Herausforderungen, deren Lösung den Fortbestand der gesamten Industrie betreffen wird.   

VonHarald Zeiss

Den Tatsachen in die Augen schauen

Oliver Graue kommentierte in der fvw, dass Flugscham keine Lösung sei. Prof. Zeiss antwortete in einem Gastkommentar

Flugscham soll keine Lösung sein? Wofür genau? Dass Flugscham aus Sicht der Tourismusbranche keine Lösung sein soll, ist nicht verwunderlich. Aber vor dem Hintergrund steigender CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre wäre es natürlich ein richtiger Schritt für das Klima – und einer, der für die Touristik gewaltige Konsequenzen hätte.

Der Kommentar zeigt leider deutlich, dass unsere Branche in einer fast notorischen Verteidigungshaltung angekommen ist. Anstatt mutig nach vorne zu schauen, werden die Probleme klein geredet. Dem Leser wird anhand bunter Beispiele vorgeführt, dass es schon nicht so schlimm wird (der Klimawandel), es auch gar nicht so dramatisch sei (der Flugverkehr) und die Schuld für die Klimamisere sowieso bei anderen zu suchen ist (den Paketzulieferern). Ganz nebenbei werden auch noch die – endlich politisch aktiven – Schüler diskreditiert, indem man ihnen vorhält, sie sollten keine Plakate in die Luft halten, so lange sie noch Videos auf dem Smartphone schauen. Wenn das die Antwort der Tourismusbranche auf die drängendste Frage unserer Zeit ist, dann bin ich ziemlich ernüchtert.

Fakt ist, dass die Auswirkungen des Klimawandels dramatisch sind. Sie finden nur nicht vor unserer Haustüre statt, was dazu führt, dass manch einer sie dann auch nicht sieht oder sehen will. Im Pazifik gibt es die ersten Klimaflüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten, um in Neuseeland ein neues Zuhause zu finden. Australien kämpft gegen ungekannt große Buschfeuer, Springfluten und ein sterbendes Great Barrier Reef. Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas werden schon heute durch verlängerte Hitzewellen und Wüstenstürme für Menschen unbewohnbar – mit Nachttemperaturen über 30 Grad Celsius und tagsüber 46. Dort wird auch niemand seinen Urlaub verbringen wollen. Und das ist erst der Anfang einer voraussichtlich sehr lang andauernden Entwicklung. 

Fakt ist auch, dass Tourismus im Allgemeinen und Flugverkehr im Speziellen ihren Teil zu den CO2-Emissionen beitragen: 5% bzw. 2,7%. Das sieht auf den ersten Blick nicht viel aus, aber wer sich vor Augen führt, dass nur die Eliten der Welt dieses Verkehrsmittel nutzen (weniger als 20% der Menschen hat jemals im Leben ein Flugzeug betreten), aber die gesamte Menschheit die Konsequenzen zu tragen hat, dann kann die Diskussion nicht damit beendet sein, dass vorher andere Branchen erst einmal Emissionen sparen sollen. Ganz abgesehen davon, dass die wachsende Mittelschicht in China und Indien bald schon am Gate steht und in den nächsten Jahren den Anteil der Flug-Emissionen deutlich nach oben treibt.

Und Fakt ist leider auch, dass es die Politik für die Branche nicht richten wird. Das hat uns die Erfahrung bei vielen anderen Themen längst gelehrt. 

Was ist zu tun? Zuerst einmal müssen wir den Tatsachen, anstatt sie klein zu reden, ins Auge sehen. Wir verkaufen eine Dienstleistung, die kein Menschenrecht ist, sondern ein Luxus, der jederzeit wieder abgeschafft oder eingeschränkt werden kann. Die Landwirtschaft in Deutschland erzeugt mehr als 7% der CO2-Emissionen, aber über deren Abschaffung wird niemand ernsthaft nachdenken. Wir benötigen touristische Innovationen, die den Klimawandel und dessen Konsequenzen mit einbeziehen. Die Entwicklung von Weltraumreisen zählt sicherlich nicht dazu. Sehr wohl aber Angebote, die klimafreundliche Anreisen, Ressourcen schonende Unterbringungen und nachhaltige Ausflüge vor Ort fokussieren. 

Die deutsche Tourismusbranche kann durchaus ein Vorbild sein. Die heimischen Kreuzfahrt-Reedereien AIDA und TUI Cruises zum Beispiel liefern sich seit 2011 ein Rennen um die besten Positionen im NABU-Kreuzfahrt-Ranking. Mit substantiellen Erfolgen für die Gäste und für die Umwelt. Zum Produkt Kreuzfahrt kann man stehen wie man will, aber man muss trotzdem anerkennen, dass in gerade einmal sieben Jahren der Wechsel vom Antrieb Schweröl zu Flüssiggas gelungen ist. Darüber hinaus wurden Schwefel-Abgase reduziert, Abfall-, Wasser- und Energieverbrauch an Bord um mehr als 30% gesenkt und Ausflüge sowie Buffets deutlich umweltfreundlicher gestaltet. Eine klimafreundliche Baltikum-Kreuzfahrt ab Kiel ist keine unerreichbare Utopie, wenn als Treibstoff flüssiges Biogas verwendet wird. Vieles davon wurde in Deutschland entwickelt und getestet und dient heute als Blaupause für die internationale Kreuzfahrt-Industrie und die Schifffahrt insgesamt. 

Kann das auch die Luftfahrt? 2016 wurde mit dem TV-Spot „Fliegen ist das neue Öko“ um eine junge Kundschaft geworben. Aber mit dieser Botschaft fing sich der Lobby-Verband BDL zurecht viel Kritik ein. Zwar sind die Pro-Kopf-Emissionen pro Flugkilometer in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert worden. Über die zwei- bis dreifache Klimawirkung in der Atmosphäre wurde jedoch nichts gesagt. Auch nichts über die Vielfliegerei, die dank immer günstigeren Preisen und Angeboten nicht mehr nur den Geschäftsreisenden vorbehalten ist. Der 2-Tage-Städtetrip per Flieger ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen – und damit zusätzliche CO2-Emissionen, die das Klima weiter belasten. 

Bis dato gibt es immer noch keine einsatzbereite technische Lösung, die das Fliegen in der Zukunft klimaneutral macht. Jede Sekunde sind 10.000 Flugzeuge in der Luft, mit einem entsprechend großen Durst nach Kerosin. Biotreibstoffe sind aus verschiedensten Gründen keine Lösung. Batterien sind nur für die Kurzstrecke geeignet, für die man aber besser die Bahn nimmt. Und electro-fuels aus Ökostrom, ein klimafreundlicher Ersatz für fossile Treibstoffe, haben das Labor noch nicht verlassen. Bis es soweit ist, bleibt den Konsumenten daher nur die CO2-Kompensation; oder die Flugscham, die immer mehr Menschen lieber am Boden bleiben lässt. Die Airliner, nein, die ganze Branche muss das Thema adressieren, Kunden informieren, CO2-Emissionen reduzieren oder kompensieren. Das wird teurer, aber auch ehrlicher und zeugt von der Verantwortung, die wir gegenüber künftigen Generationen haben. 

Wir Deutsche werden die Welt sicherlich nicht im Alleingang retten. Aber die Welt schaut mehr auf uns, als wir denken. Wenn wir erfolgreiche Klimalösungen Made in Germany anbieten, stehen die Chancen gut, dass diese auch in China, Indien oder Brasilien kopiert werden. Das ist der Hebel, den wir in der Hand haben. Und unsere moralische Pflicht, nachdem wir über Jahrzehnte hinweg einen weit über dem Weltdurchschnitt liegenden Konsum betrieben haben, der letztendlich seinen Teil zum heutigen Klimaproblem beigetragen hat.