Tourismusforscher Harald Zeiss sieht großes Potenzial im Harz


Der Wernigeröder Tourismusprofessor Harald Zeiss hat im Wirtschaftsmagazin „Wirtschaft im Harz“ der Goslarschen Zeitung die Stärken und Entwicklungschancen der Region analysiert. Als gefragter Experte für nachhaltigen und internationalen Tourismus ordnet Prof. Dr. Harald Zeiss darin das Reisen im Zeitalter von Klima- und geopolitischen Krisen ein und beschreibt das sich wandelnde Image des Harzes.

Reiseverhalten in Krisenzeiten

Prof. Dr. Harald Zeiss erläutert, dass aktuelle Konflikte spürbare Folgen für den Tourismus und die Flugverbindungen nach Asien haben. Der Irankonflikt wirke sich deutlich auf die Region aus. Vergangene Krisen zeigten jedoch ein wiederkehrendes Muster: Nach abrupten Einbrüchen erreichten die Touristenzahlen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wieder ihr Ausgangsniveau. Beliebtestes Reiseziel der Deutschen bleibe laut Statistik das eigene Land, gefolgt von Spanien, der Türkei und Italien. Fernreisen nach Übersee befänden sich wieder im Aufwind.

Nachhaltigkeit zwischen Wunsch und Verhalten

Beim Reisen wachse die Bedeutung von Nachhaltigkeit, so Zeiss. Ein Umdenken zeige sich etwa durch Ökostrom in Hotels oder rein digitale Informationsangebote. Erhebungen zufolge wünsche sich mittlerweile rund die Hälfte der Reisenden einen umweltfreundlichen Urlaub, doch nur für ein Prozent sei Nachhaltigkeit das entscheidende Buchungskriterium. Zeiss beschreibt diese Diskrepanz als Attitude-Behavior-Gap, eine Lücke zwischen Wunsch und Verhalten, wie sie auch bei Neujahrsvorsätzen oder der Verbreitung von Elektroautos auftrete. Für einen erfolgreichen Wandel sei ein Miteinander von Wirtschaft, Politik und Kunden erforderlich.

Den vielfach diskutierten Trend des „Coolcationing“, bei dem kühlere Länder zum Reiseziel werden, bewertet Zeiss derzeit als weitgehend medial geprägtes Phänomen. Das Mittelmeer bleibe ungeachtet steigender Temperaturen das bevorzugte Urlaubsziel.

Der „neue Harz“ als touristische Chance

Trotz wirtschaftspolitischer und ökologischer Umbrüche legten die Übernachtungszahlen im Harz seit mehreren Jahren wieder zu, betont Zeiss. Die Kombination aus nördlichstem Mittelgebirge und zentraler Lage verschaffe der Region einen relevanten Quellmarkt. Auch der demografische Wandel mit einer wachsenden Zahl reisefreudiger Rentner sowie langfristig steigende Temperaturen kämen dem Harz zugute.

Besonderes Potenzial sieht Prof. Dr. Harald Zeiss in einem neuen Naturbild der Region. Während das touristische Image jahrzehntelang auf dem dunkelgrünen Märchenwald beruhte, entstehe mit dem klimawandelbedingten Sterben der monotonen Fichtenplantagen eine lichtere und facettenreichere Natur. Zeiss spricht von einer historischen Chance, aus einer Katastrophe ein neues Narrativ zu formen: vielfältigere Naturerlebnisse vom Wandern über Wellness bis zum Waldbaden, bei günstigeren Temperaturen und einer verlängerten Sommersaison.

Der Abschied vom klassischen Ski- und Snowboardtourismus sei allerdings unvermeidlich. Winteraktivitäten wie Rodeln, Tourengehen und Wandern im verschneiten Wald werde es weiterhin geben, wenn auch unberechenbarer.

Angeglichene Regionen und Entwicklungsbedarf

Die wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen Ost- und Westharz hätten sich angeglichen und würden dies weiter tun, so Zeiss. Der niedersächsische Teil habe mit Schlüsselattraktionen und Investitionen an Attraktivität gewonnen; Investoren und Touristen differenzierten kaum noch nach der ehemaligen Grenze.

Handlungsbedarf sieht Zeiss bei der Infrastruktur: Bus und Bahn müssten dringend optimiert und lückenlos vernetzt werden. Vor allem im Oberharz fehlten mittelgroße moderne Hotels sowie ganzjährig attraktive Touristenattraktionen, vergleichbar mit Pullman City, der Baumschwebebahn in Bad Harzburg oder dem Hexenreich in Rotheshütte. Jedes neue Angebot generiere zusätzliche Urlauber und Nachfrage nach der umliegenden Infrastruktur.

Trend zur Individualisierung

Touristen suchten zunehmend nach individuellen Erlebnissen mit viel Abwechslung, beobachtet Zeiss. Die Urlaubsform, die zwei Wochen lang nur zwischen Buffet und Strandliege pendelt, werde weiter abnehmen. Dies stehe im Einklang mit dem gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung und den daraus resultierenden heterogenen Wünschen. Auch das gastronomische Angebot abseits der Hauptrouten könne qualitativ profitieren, ohne die bewährte Bodenständigkeit aufzugeben, die das Fundament des Harzer Erfolgs bilde.


Quelle: Goslarsche Zeitung, „Wirtschaft im Harz“, Interview von Christian Wiesel, 20.05.2026 (Link)