Künstliche Intelligenz verändert zunehmend die Art, wie Menschen ihren Urlaub planen. Statt Reiseführer zu lesen, Reiseportale zu vergleichen oder Freunde um Empfehlungen zu bitten, genügt heute oft eine kurze Anfrage an ChatGPT und andere KI-Assistenten. Innerhalb weniger Sekunden entstehen individuelle Reisevorschläge mit passenden Hotels, Sehenswürdigkeiten und Restaurants. Doch die neue Bequemlichkeit könnte auch unerwünschte Folgen haben. Wie unter anderem BILD, fvw|TravelTalk und der Harz Kurier berichten, warnt der Tourismusforscher Prof. Dr. Harald Zeiss vor einer zunehmenden Gleichförmigkeit des Reisens und möglichen Auswirkungen auf den Massentourismus.
Wenn Millionen Reisende dieselben Empfehlungen erhalten
Die Vorteile künstlicher Intelligenz bei der Urlaubsplanung liegen auf der Hand. Wer beispielsweise eine zweiwöchige Rundreise durch Südeuropa plant, kann seine Wünsche hinsichtlich Budget, Interessen, Reisezeit und Verkehrsmitteln eingeben und erhält innerhalb kurzer Zeit einen detaillierten Vorschlag. Auch kurzfristige Änderungen lassen sich berücksichtigen. Bei schlechtem Wetter, Flugverspätungen oder geänderten Reiseplänen kann die KI alternative Aktivitäten und Routen empfehlen.
Allerdings entstehen die Antworten nicht unabhängig voneinander. KI-Systeme verarbeiten große Mengen vorhandener Informationen, darunter Reiseberichte, Bewertungen, Empfehlungen und Informationen über touristische Attraktionen. Besonders bekannte und häufig positiv bewertete Angebote können deshalb in den Ergebnissen überproportional sichtbar werden.
Prof. Dr. Harald Zeiss, Geschäftsführer des Instituts für nachhaltigen Tourismus (Inatour) und Direktor des Instituts für Tourismusforschung der Hochschule Harz, bezeichnet diese mögliche Entwicklung als „algorithmische Gleichförmigkeit“. Wenn zahlreiche Reisende ähnliche Fragen stellen und vergleichbare Antworten erhalten, könnten sich auch ihre Reiseentscheidungen zunehmend ähneln.
Was ursprünglich als individuelle Reiseempfehlung gedacht war, wird dann zum standardisierten Reiseprogramm. Der vermeintliche Geheimtipp ist plötzlich keiner mehr.
Verstärkt künstliche Intelligenz den Overtourism?
Für touristische Destinationen könnte diese Entwicklung erhebliche Konsequenzen haben. Schon heute konzentriert sich die Nachfrage in vielen Städten und Urlaubsregionen auf wenige besonders bekannte Attraktionen. Historische Altstädte, berühmte Aussichtspunkte oder fotogene Strände werden über soziale Medien weltweit bekannt und erleben teilweise innerhalb kurzer Zeit einen deutlichen Besucherzuwachs.
KI könnte solche Konzentrationsprozesse zusätzlich verstärken. Werden dieselben Orte immer wieder empfohlen, steigt ihre Bekanntheit weiter. Positive Bewertungen und zusätzliche digitale Inhalte können wiederum dazu beitragen, dass diese Orte in zukünftigen Empfehlungen besonders präsent bleiben.
Für Destinationen, die bereits unter hohen Besucherzahlen leiden, wäre dies eine problematische Entwicklung. Überfüllte Sehenswürdigkeiten, steigende Belastungen für die lokale Infrastruktur und Konflikte zwischen Touristen und Einheimischen gehören schon heute zu den Herausforderungen des sogenannten Overtourism.
Allerdings ist keineswegs zwangsläufig, dass KI den Massentourismus verstärkt. Entscheidend ist, nach welchen Kriterien die Systeme Reiseempfehlungen erstellen und welche Informationen ihnen zur Verfügung stehen.
KI könnte auch zu einer besseren Besucherlenkung beitragen
Künstliche Intelligenz bietet zugleich die Möglichkeit, touristische Nachfrage gezielter zu verteilen. Anstatt ausschließlich die bekanntesten Sehenswürdigkeiten vorzuschlagen, könnten KI-basierte Reiseassistenten weniger besuchte Regionen, alternative Ausflugsziele oder günstigere Reisezeiten empfehlen.
Auch Informationen über Besucheraufkommen, öffentliche Verkehrsmittel und saisonale Belastungen könnten in die Reiseplanung einfließen. Eine Destination könnte beispielsweise versuchen, Reisende für attraktive Angebote außerhalb der stark frequentierten Innenstadt zu interessieren oder auf weniger bekannte Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen.
Für das nachhaltige Destinationsmanagement eröffnet dies interessante Perspektiven. Voraussetzung wäre allerdings, dass entsprechende Informationen verfügbar sind und von den KI-Systemen tatsächlich berücksichtigt werden.
Eine entscheidende Frage lautet deshalb, welche Ziele die Anbieter künstlicher Intelligenz verfolgen. Sollen möglichst viele Buchungen vermittelt werden, könnten populäre Angebote zusätzlich profitieren. Stehen dagegen Reisequalität, individuelle Interessen und eine ausgewogene touristische Entwicklung im Vordergrund, kann KI auch zu einer besseren räumlichen und zeitlichen Verteilung der Besucher beitragen.
Für Tourismusorganisationen ergibt sich daraus eine neue Aufgabe. Sie müssen künftig nicht nur darüber nachdenken, wie ihre Destination in klassischen Suchmaschinen und sozialen Medien sichtbar wird, sondern auch, welche Informationen KI-Systeme über ihre Region erhalten und welche Reiseempfehlungen daraus entstehen.
Geht mit der perfekten Reiseplanung der Zufall verloren?
Neben den Auswirkungen auf touristische Destinationen sieht Harald Zeiss eine weitere Herausforderung. Wenn Reisende zunehmend sämtliche Entscheidungen an digitale Assistenten delegieren, könnte ein wichtiger Bestandteil des Reisens verloren gehen: das Unerwartete.
Im Gespräch mit BILD warnt Zeiss davor, dass „Zufall, Neugier und die Offenheit für das Unerwartete“ auf der Strecke bleiben könnten.
Viele besonders eindrucksvolle Reiseerlebnisse entstehen schließlich nicht durch perfekte Planung. Es sind die zufällige Begegnung mit Einheimischen, das kleine Restaurant abseits der bekannten Wege oder ein spontaner Abstecher, die eine Reise besonders machen.
Wenn ein KI-Assistent bereits im Voraus entscheidet, welche Sehenswürdigkeiten besucht werden, wo gegessen wird und welcher Weg am schönsten ist, werden solche Erfahrungen möglicherweise seltener.
Hinzu kommt, dass KI-Systeme die bisherigen Vorlieben der Reisenden berücksichtigen können. Wer immer wieder ähnliche Wünsche formuliert, erhält möglicherweise zunehmend ähnliche Vorschläge. Damit könnte gerade jene Erfahrung eingeschränkt werden, die das Reisen so wertvoll macht: die Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten.
Was bedeutet KI für die Zukunft des nachhaltigen Tourismus?
Die zunehmende Nutzung künstlicher Intelligenz wird die touristische Wertschöpfungskette verändern. Reiseveranstalter, Reisebüros, Hotels und Destinationen müssen sich darauf einstellen, dass digitale Assistenten künftig einen größeren Einfluss auf die Auswahl von Reisezielen und touristischen Angeboten ausüben.
Für einen nachhaltigen Tourismus entstehen daraus sowohl Risiken als auch Chancen. Einerseits könnten algorithmisch verstärkte Empfehlungen zur weiteren Konzentration touristischer Nachfrage beitragen. Andererseits bieten intelligente Planungssysteme Möglichkeiten, Besucherströme besser zu steuern, klimafreundlichere Verkehrsmittel einzubeziehen und weniger bekannte Regionen sichtbar zu machen.
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht allein in der technischen Entwicklung, sondern in der Frage, wie diese Systeme gestaltet und eingesetzt werden.
Künstliche Intelligenz kann die Reiseplanung erheblich vereinfachen. Sie sollte jedoch nicht dazu führen, dass Reisende nur noch vorgegebenen Empfehlungen folgen und Destinationen zunehmend nach denselben Mustern besucht werden.
Denn die Qualität einer Reise bemisst sich nicht ausschließlich daran, wie effizient sie geplant wurde. Manchmal sind es gerade die ungeplanten Begegnungen und Umwege, die ihren besonderen Reiz ausmachen.
Quellen: Die Einschätzungen von Prof. Dr. Harald Zeiss zur Rolle künstlicher Intelligenz im Tourismus wurden im September 2026 in mehreren Medien aufgegriffen. Ausführliche Berichte erschienen unter anderem bei BILD: „Warum KI unseren Urlaub kaputt macht“, fvw|TravelTalk: „Alle sehen dasselbe: Warum KI den Urlaub zerstören könnte“, im Harz Kurier sowie bei IT Boltwise: „KI macht Urlaubsplanung schneller, doch der Zufall geht verloren“.

