Prof. Dr. Harald Zeiss - Institut für nachhaltigen Tourismus - Klimawandel ändert Urlaub - KI-generiert

Klimawandel und Tourismus: Wie sich Reiseziele und Reiseverhalten verändern

Der Klimawandel verändert touristische Destinationen weltweit grundlegend. Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Waldbrände und ein steigender Meeresspiegel beeinflussen nicht nur natürliche Landschaften, sondern auch die touristische Infrastruktur, das Reiseverhalten und die Erwartungen von Reisenden. Für Akteure im Tourismus, von Destinationsmanagern über Hotelbetriebe bis hin zu Reiseveranstaltern, ist ein fundiertes Verständnis dieser Entwicklungen zunehmend von strategischer Bedeutung.

Konkrete Auswirkungen auf beliebte Reiseziele

In Südeuropa führten anhaltende Hitzewellen und Dürren in den vergangenen Jahren bereits zu spürbaren Einschränkungen im Reisebetrieb. In Spanien wurden 2023 infolge extremer Wasserknappheit Nutzungsbeschränkungen verhängt, die unter anderem dazu führten, dass Hotel-Swimmingpools leer blieben. Waldbrände in Griechenland, Italien und Portugal verursachten jährlich Sperrungen von Nationalparks und Evakuierungen ganzer Gebiete.

Laut Charlotte Bellmann, Referentin am Deutschen Institut für Tourismusforschung (Fachhochschule Westküste) und Doktorandin an der Europa-Universität Flensburg, zeigen sich die Folgen des Klimawandels jedoch auch in weniger spektakulären, aber langfristig bedeutsamen Veränderungen: Pflanzen blühen früher, neue Arten wandern ein, Küstenlinien verändern sich durch Erosion, und Strände schrumpfen infolge des steigenden Meeresspiegels. Stammgäste nehmen solche Veränderungen über die Jahre besonders deutlich wahr.

Keine eindeutigen Gewinner oder Verlierer

Prof. Dr. Harald Zeiss, Geschäftsführer des Instituts für nachhaltigen Tourismus, stellt auf Basis seiner Forschung fest, dass sich bisherige Prognosen über den Bedeutungsverlust ganzer Regionen nicht bestätigt haben. Regionen im Mittelmeerraum, denen bereits das Ende des Massentourismus vorhergesagt wurde, melden weiterhin Rekordwerte bei Gästezahlen und Umsätzen. „Stichwort Malediven“, so Zeiss, „denen man den bevorstehenden Untergang schon mehrfach prognostiziert hat“ und die dennoch anhaltend hohe Investitionen in neue Hotelkapazitäten verzeichnen.

Zeiss geht auf Basis seiner Forschungsarbeit davon aus, dass künftig weniger klimatische Extremereignisse allein, sondern vor allem die politische Stabilität von Destinationen entscheidend sein wird. Regionen, die durch Wasserknappheit, Ernteeinbußen oder andere klimabedingte Belastungen unter sozialen und politischen Druck geraten, könnten mittelfristig an Attraktivität verlieren. Die genaue Entwicklung bleibt dabei schwer vorhersehbar, da die Auswirkungen des Klimawandels regional sehr unterschiedlich ausfallen.

Kurzfristigere Buchungen als Reaktion auf Unsicherheit

Ein deutlicher Trend zeichnet sich im Buchungsverhalten ab: Reisende reagieren auf die zunehmende Unberechenbarkeit des Wetters mit kürzeren Vorausbuchungszeiten. Zeiss beobachtet in seiner Arbeit, dass immer mehr Menschen erst kurzfristig buchen, um die Wetterentwicklung abzuwarten. „Alle sind in Habachtstellung und schauen, was passiert“, fasst er die aktuelle Stimmung in der Branche zusammen.

Charlotte Bellmann empfiehlt grundsätzlich mehr Flexibilität, sowohl beim Reisezeitraum als auch beim Reiseziel. Individualreisende und Rucksacktouristen können spontane Änderungen in der Regel besser verkraften als planungsorientierte Reisende im Luxussegment, die auf garantierte Leistungen angewiesen sind. Für Letztere ist es ratsam, Vertragsbedingungen und Leistungsgarantien von Reiseanbietern sorgfältig zu prüfen: Werden Angebote beworben, die nicht verbindlich gewährleistet werden können, kann ein Reklamationsanspruch entstehen.

Interessant ist dabei ein Befund aus einer Studie von Zeiss: Trotz aller wetterbedingten Einschränkungen hatte das Wetter bislang keinen messbaren Einfluss auf das Reklamationsverhalten von Ferienhausgästen. Wer einmal gebucht hat, zieht den Urlaub in der Regel durch, unabhängig von den Bedingungen vor Ort.

Verhalten vor Ort: Sicherheit und Naturschutz haben Vorrang

Bellmann betont, dass Einschränkungen vor Ort, etwa Sperrungen von Wanderwegen oder Verbote bestimmter Aktivitäten, stets konkrete Sicherheits- oder Naturschutzgründe haben und unbedingt zu beachten sind. Ein Wanderweg, der nach einem Erdrutsch nicht mehr begehbar ist, stellt ein reales Risiko dar. Das Einhalten von Restriktionen ist demnach kein Komfortverzicht, sondern ein notwendiger Bestandteil verantwortungsvollen Reisens.

Zeiss ergänzt eine perspektivische Dimension, die er in seiner Beratungsarbeit regelmäßig einbringt: Einschränkungen und ungewohnte Bedingungen können auch als Teil des Reiseerlebnisses begriffen werden. „Die Einschränkungen sind ja auch Teil des Erlebnisses. Dass man eben etwas erlebt, was man zuhause nicht hat“, so Zeiss. Wer offen für das Unerwartete reist, erlebt häufig gerade dadurch Unvergessliches.

Anpassung allein reicht nicht: Klimaschutz als strukturelle Notwendigkeit

Bellmann mahnt, dass reine Anpassungsmaßnahmen wie das Einsparen von Wasser im Hotelbetrieb nicht ausreichen, um die Ursachen des Klimawandels zu adressieren. Alle Akteure im Tourismus, einschließlich politischer Verwaltungsebenen, müssen Emissionen reduzieren und den Tourismus langfristig nach regenerativen Prinzipien gestalten. Genau hier setzt auch die Arbeit des Instituts für nachhaltigen Tourismus an: Die Begleitung von Unternehmen und Destinationen auf dem Weg zu einem strukturell nachhaltigeren Tourismus ist eine der Kernaufgaben von Prof. Dr. Harald Zeiss und seinem Team.

Barcelona zeigt, wie Destinationen erste strukturelle Konsequenzen ziehen: Das Fremdenverkehrsamt der Stadt berichtet, dass die Dürreperioden zu strengeren Kontrollen des Wasserverbrauchs in Hotels geführt haben, bestehende Nachhaltigkeitspläne beschleunigt umgesetzt wurden und Hotels schrittweise mit intelligenten Verbrauchssystemen sowie Grauwasserrecyclinganlagen ausgestattet werden sollen.

Zeiss und Bellmann sind sich einig: Die Tourismusbranche insgesamt muss flexibler werden, in der Planung, in der Kommunikation und in der Bereitschaft, auf immer neue klimabedingte Veränderungen aktiv zu reagieren.


Quelle: Katja Evers, MDR Wissen, „Wie der Klimawandel unseren Urlaub verändert“, 23. Februar 2026, erschienen im MDR Klima-Update Nr. 226. Zum Originalartikel auf MDR.de