KI-generierte Illustration: Zwei Crewmitglieder im Gespräch auf dem offenen Deck eines Kreuzfahrtschiffs mit dem Meer im Hintergrund.

Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen: Ein Perspektivwechsel

Wie fvw|TravelTalk berichtet, hat sich Prof. Dr. Harald Zeiss zur Diskussion über die Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen geäußert. Nach einer Reise auf die Philippinen stellt der Geschäftsführer des Instituts für nachhaltigen Tourismus einen ungewöhnlichen Zahlenvergleich an. Er macht deutlich, warum ein Einkommen von 700 Euro im Monat aus Sicht der Beschäftigten eine andere Bedeutung haben kann als aus deutscher Perspektive.

0,81 Euro und 13,90 Euro: Zwei unterschiedliche Ausgangspunkte

Auf der Insel Palawan sprach Zeiss mit Menschen, die in Restaurants, Hotels und Geschäften arbeiten. Nach seinen Schilderungen berichteten sie ihm von einem Verdienst, der umgerechnet etwa 0,81 Euro pro Stunde entspricht. Bei angenommenen 40 Wochenstunden ergeben sich daraus rund 140 Euro im Monat: 0,81 Euro × 40 Stunden × 52 Wochen ÷ 12 Monate.

Diesen Gesprächswert stellt Zeiss dem deutschen gesetzlichen Mindestlohn von 13,90 Euro brutto pro Stunde im Jahr 2026 gegenüber. Der Unterschied beträgt etwa das 17-Fache. Die 0,81 Euro werden hier als der von Zeiss berichtete und umgerechnete Wert aus seinen Gesprächen wiedergegeben.

Wie aus 700 Euro rechnerisch 11.900 Euro werden

In seinem LinkedIn-Beitrag nennt Zeiss rund 700 Euro monatlich als Beispiel für den Verdienst einer philippinischen Servicekraft auf einem Kreuzfahrtschiff. Um die Größenordnung aus einer anderen Perspektive zu betrachten, überträgt er das Verhältnis der beiden Stundenbeträge auf dieses Einkommen. Mit dem gerundeten Faktor 17 ergibt sich:

13,90 Euro ÷ 0,81 Euro ≈ Faktor 17
700 Euro × 17 = 11.900 Euro im Monat
11.900 Euro × 9 Monate = 107.100 Euro

Die rund 107.000 Euro sind ein gedanklicher Vergleichswert. Tatsächlich ergeben 700 Euro über neun Monate 6.300 Euro, bevor persönliche Ausgaben berücksichtigt werden. Die Rechnung veranschaulicht einen relativen Einkommensunterschied; sie ist keine Kaufkraftberechnung und berücksichtigt keine Unterschiede bei Arbeitsstunden, Steuern oder Sozialabgaben.

Hinzu kommen nach Zeiss’ Darstellung häufig Leistungen wie Unterkunft, Verpflegung, Arbeitskleidung, An- und Abreise sowie Krankenversicherung. Wenn wesentliche Ausgaben an Bord übernommen werden, kann ein größerer Teil des Einkommens für die Familie oder den Aufbau finanzieller Rücklagen zur Verfügung stehen.

Wirtschaftliche Chancen aus Sicht der Beschäftigten verstehen

Zeiss verbindet die Rechnung mit einer Frage: Wie würden junge Menschen in Deutschland eine Tätigkeit im Service, in der Reinigung oder in der Küche bewerten, wenn sie ihnen eine vergleichbare Einkommensperspektive eröffnete?

Sein Anliegen ist, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Was aus deutscher Perspektive sehr niedrig bezahlt erscheint, kann für Beschäftigte angesichts ihrer Alternativen im Herkunftsland eine wichtige wirtschaftliche Chance sein. Dazu gehören die Unterstützung von Angehörigen und die Möglichkeit, sich für die Rückkehr eine finanzielle Grundlage aufzubauen.

Die Belastungen an Bord bleiben Teil der Betrachtung

Die wirtschaftlichen Möglichkeiten stellt Zeiss neben die anspruchsvollen Arbeitsbedingungen. Er benennt lange Arbeitszeiten, fehlende freie Tage während der Einsätze, wenig Privatsphäre und die monatelange Trennung von der Familie.

Für eine differenzierte Diskussion müssen sowohl diese Belastungen als auch die Beweggründe der Beschäftigten sichtbar werden. Die Frage nach guten Arbeitsbedingungen bleibt dabei ebenso wichtig wie das Verständnis für persönliche Entscheidungen.

Reisen als Gelegenheit zum Perspektivwechsel

Aus seinen Erfahrungen leitet Zeiss eine konkrete Empfehlung ab: Auf Reisen lohnt es sich, mit den Gastgebern ins Gespräch zu kommen. Beim Essen in kleinen Lokalen, beim Friseur oder beim Kennenlernen lokaler Handwerksbetriebe entstehen Einblicke, die über das übliche touristische Programm hinausgehen.

Solche Begegnungen können vertraute Urteile verändern. Wer die wirtschaftlichen und sozialen Lebensumstände anderer Menschen kennenlernt, erhält eine zusätzliche Grundlage, um touristische Arbeit und ihre Bedeutung für die Beschäftigten zu beurteilen.

Weitere Informationen finden Sie im fvw-Beitrag und im ursprünglichen LinkedIn-Beitrag von Harald Zeiss mit dem vollständigen Zahlenvergleich.

Beitragsbild: KI-generierte Illustration. Die dargestellten Personen und die Szene sind fiktiv.