Prof. Dr. Harald Zeiss Key Note Speaker Vortrag Institut für nachhaltigen Tourismus

Kurzreisen statt langem Sommerurlaub: Tourismusexperte ordnet den Trend ein

Der klassische zweiwöchige Sommerurlaub verliert in Deutschland an Bedeutung. Neue Buchungsdaten von lastminute.com zeigen, dass 2026 jede zweite Reise nur noch bis zu vier Nächte dauert. Statt einer langen Reise im Jahr teilen immer mehr Menschen ihre freie Zeit in mehrere kurze Trips auf: ein Junggesellenabschied auf Mallorca im Mai, ein Städtetrip nach Amsterdam im Juli, eine Wanderwoche in Südtirol im August, ein Wellnessaufenthalt an der Ostsee im September. Besonders bei Millennials und der Generation Z gilt diese Aufteilung als attraktives Reisemodell.

„Realistischer Trend“ zu häufigeren Kurzreisen

Harald Zeiss, Geschäftsführer des Instituts für nachhaltigen Tourismus und Professor für Tourismus an der Hochschule Harz, spricht von einem realistischen Trend hin zu häufigeren Kurzreisen. Viele Menschen möchten sich nach seiner Einschätzung heute mehrfach im Jahr kleine Auszeiten gönnen, statt auf den einen langen Sommerurlaub zu warten. Flexiblere Arbeitsmodelle, Homeoffice und die einfache digitale Reisebuchung sorgten dafür, dass Reisen stärker in den Alltag integriert und spontaner konsumiert werde als früher.

Den Wandel treiben nach Einschätzung von Zeiss besonders jüngere Zielgruppen durch ein verändertes Konsumverhalten voran. Sie setzten stärker auf Erlebnisse, Abwechslung und individuelle Urlaube.

„Smart Luxury“: Preisbewusstsein trifft Qualitätswunsch

Zeiss beobachtet zugleich eine Polarisierung im Reiseverhalten. Einerseits werde auf günstige Mobilität geachtet, etwa durch preiswerte Airlines. Andererseits investierten viele Reisende bewusst in Komfort vor Ort, beispielsweise in hochwertige Hotels oder besondere Gastronomie. Dieses Verhalten wird als „Smart Luxury“ bezeichnet und kombiniert Preisbewusstsein mit dem Wunsch nach Qualität und emotionalen Erlebnissen.

Die Buchungsdaten stützen diese Einordnung. Buchungen für Hotels mit vier oder mehr Sternen sind 2026 im Vergleich zu 2025 um 60 Prozent gestiegen. Gleichzeitig wächst das Interesse an preislich attraktiven Städten mit breitem Kulturangebot: Istanbul verzeichnet ein Plus von 135 Prozent, Budapest von 62 Prozent. Bereits im Vorjahr wurden 72 Prozent der Buchungen für Hotels dieser Kategorie mit Low-Cost-Airlines kombiniert, ein Zuwachs von zwölf Prozent.

Nachhaltigkeit: „Widersprüchliche Entwicklung“

Aus Nachhaltigkeitssicht bewertet Zeiss die Entwicklung als widersprüchlich. Problematisch werde es vor allem dann, wenn viele kurze Flugreisen unternommen würden. Diese verursachten deutlich höhere CO₂-Emissionen als ein längerer Aufenthalt, hinzu kämen zusätzliche Belastungen durch häufigere An- und Abreisen. Positiv sei hingegen, dass sich viele Kurzreisen innerhalb Deutschlands oder Europas mit Bahn oder Bus nachhaltiger gestalten ließen. Entscheidend ist nach seiner Einschätzung letztlich die Wahl des Verkehrsmittels.

Das Spannungsfeld zwischen Reisewunsch und Klimabewusstsein ist nicht neu. Laut einer Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) wünschen sich rund 55 bis 60 Prozent der Deutschen einen nachhaltigeren Tourismus. In der konkreten Buchungsentscheidung dominierten jedoch weiterhin Preis, Komfort und Verfügbarkeit. Zugleich steige der Wunsch nach besonderen Erlebnissen, hoher Qualität und Flexibilität.

Die Tourismusbranche steht nach Einschätzung von Zeiss deshalb vor der Herausforderung, nachhaltige Angebote attraktiver und einfacher buchbar zu machen. Gäste sollten weniger auf den Preis und stärker auf die Qualität achten.


Quellen: Frankfurter Rundschau (Ippen.Media), lastminute.com, Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR)

Quelle: https://www.fr.de/panorama/deutsche-urlaubstradition-verschwindet-immer-mehr-problematisch-zr-94320111.html