Mehr Gäste im Sommer, weniger verlässliche Schneetage im Winter. Der Tourismus in den deutschen Mittelgebirgen befindet sich im Wandel. Der Tourismus- und Nachhaltigkeitsexperte Prof. Harald Zeiss sieht darin große Chancen für Regionen wie Winterberg, warnt zugleich aber vor den Folgen des Klimawandels und wachsenden Belastungen für Infrastruktur und Natur.
Winterberg vor großen Herausforderungen
Für Orte wie Winterberg stellt sich die Frage, wie sie sich zwischen Klimawandel, Fachkräftemangel und steigenden Besucherzahlen zukunftsfest aufstellen können. Harald Zeiss gilt als einer der bekanntesten Tourismus- und Nachhaltigkeitsexperten Deutschlands. Der Professor der Hochschule Harz war viele Jahre für den Reisekonzern TUI tätig und leitete dort das Nachhaltigkeitsmanagement. Heute forscht er zu den Zukunftsperspektiven von Tourismusregionen. Im Gespräch mit der Westfalenpost ordnet er die Entwicklung Winterbergs ein und erklärt, warum Besucherlenkung und Ganzjahrestourismus künftig entscheidend sein könnten.
Entkopplung vom saisonalen Rhythmus
Die auffälligste Veränderung in klassischen Tourismusregionen und Wintersportorten ist laut Zeiss die zunehmende Entkopplung vom saisonalen Rhythmus, der diese Regionen über Jahrzehnte geprägt hat. Klimawandel, verändertes Reiseverhalten und wachsende Ansprüche an die Erlebnisqualität zwingen viele Destinationen gleichzeitig zur Neuausrichtung. In den deutschen Mittelgebirgen ist die durchschnittliche Anzahl schneesicherer Tage seit den 1970er Jahren um rund 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Diese Entwicklung lässt sich nach Einschätzung von Zeiss im Harz sehr gut beobachten. An Standorten unterhalb von 600 Metern ist natürlicher Schnee heute eher die Ausnahme als die Regel.
Parallel dazu wächst die Konkurrenz durch weiter entfernte Ziele. Günstige Flüge und Bahnangebote wie ein Familienticket für 99,99 Euro machen Wintersportdestinationen in den Alpen oder in Skandinavien für viele Gäste auch kurzfristig erreichbar. Gleichzeitig beobachtet Zeiss eine zunehmende Suche nach Authentizität, Entschleunigung und naturnahen Angeboten, was strukturstarken deutschen Mittelgebirgsregionen grundsätzlich zugutekommt. Regionen, die frühzeitig in Ganzjahresangebote und Qualität investiert haben, seien heute spürbar robuster aufgestellt.
Der Sommer ist zur eigenständigen Saison geworden
In vielen deutschen Mittelgebirgen hat der Sommertourismus die Wintersaison bei den Übernachtungszahlen bereits überholt oder ist ihr zumindest gleichwertig. Im Harz entfallen nach Angaben von Zeiss heute rund 60 bis 65 Prozent der jährlichen Übernachtungen auf die wärmere Jahreszeit. Ähnliche Verschiebungen zeigen die Daten für den Schwarzwald und zunehmend auch für das Sauerland. Das ist strukturell bedeutsam, weil der Sommertourismus weniger wetterabhängig, gleichmäßiger verteilt und in seiner Nachfrage breiter aufgestellt ist.
Besonders dynamisch ist dabei der Radtourismus. Der ADFC schätzt den jährlichen wirtschaftlichen Effekt des Radtourismus in Deutschland auf über neun Milliarden Euro. Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Bikestrecken, insbesondere im MTB-Bereich, wächst seit Jahren überproportional. Auch der Wandertourismus erlebt eine Renaissance, getrieben von jüngeren, erlebnisorientierten Zielgruppen, die Naturnähe mit körperlicher Aktivität verbinden wollen. Der Sommer ist damit nach Zeiss nicht mehr Lückenfüller, sondern zu einer eigenständigen strategischen Saison geworden.
Der Druck, unabhängiger vom Schnee zu werden
Der Druck auf die Mittelgebirgsregionen, sich langfristig unabhängiger vom Schnee zu machen, ist nach Einschätzung von Zeiss erheblich und wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Klimaprojektionen des Deutschen Wetterdienstes zeigen, dass die mittlere Schneefallgrenze in Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts um 150 bis 300 Meter ansteigen wird. Standorte unterhalb von 800 Metern werden dauerhaft keine verlässliche Schneesaison mehr haben.
Technische Beschneiung ist aus seiner Sicht keine zukunftsfähige Antwort darauf. Sie sei energieintensiv, kostenintensiv und in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz zunehmend fraglich. Regionen, die heute noch mehr als 50 Prozent ihrer Wertschöpfung aus dem Wintersportbetrieb ziehen, ohne parallele Alternativen entwickelt zu haben, stehen strukturell unter dem größten Anpassungsdruck. Winterberg befindet sich nach Zeiss in einer vergleichsweise günstigen Lage, weil der Ort früh in Diversifikation investiert hat. Trotzdem bleibe der Wintersport ein Risikofaktor, der mittelfristig stärker relativiert werden müsse.
Was Gäste heute erwarten
Die Veränderungen in der Nachfragestruktur sind nach Beobachtung von Zeiss sichtbar und beschleunigen sich. Gäste erwarten heute keine standardisierten Freizeitangebote mehr, sondern individuelle, erlebnisorientierte und möglichst authentische Erfahrungen, die sich nicht im nächsten Ort genauso finden lassen. Die sogenannte Experience Economy, von Pine und Gilmore bereits Ende der 1990er Jahre beschrieben, habe sich in der touristischen Realität endgültig durchgesetzt. Der Wert eines Urlaubserlebnisses bemesse sich nicht mehr primär am Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern an der emotionalen und sinnlichen Qualität des Erlebnisses.
Digitale Infrastruktur ist dabei für wachsende Besuchergruppen Mindeststandard. Studien zeigen laut Zeiss, dass rund 40 Prozent der unter 40-Jährigen eine gute Mobilfunkverbindung als wichtiges Buchungskriterium nennen. Gleichzeitig wächst das Interesse an Nachhaltigkeit. Laut einer GfK-Studie aus dem Jahr 2024 legen mehr als 50 Prozent der deutschen Urlauber bei der Reiseplanung Wert auf umweltfreundliche Unterkünfte oder Angebote, auch wenn die tatsächliche Zahlungsbereitschaft dafür noch heterogen ist.
Winterbergs Weg in den Ganzjahrestourismus
Die Diversifikation in Richtung Ganzjahrestourismus hält Zeiss für strategisch richtig und alternativlos. Winterberg habe früher als viele vergleichbare Destinationen verstanden, dass die Abhängigkeit vom Schnee ein strukturelles Risiko darstellt, und entsprechend gehandelt. Der Bikepark Winterberg gehört heute zu den bekanntesten MTB-Destinationen Deutschlands und generiert erhebliche Wertschöpfung in den Sommermonaten.
Kritisch zu sehen ist dabei nach Zeiss, ob das Wachstum der Angebote und Besucherzahlen mit der Tragfähigkeit der Infrastruktur und der Landschaft Schritt hält. Quantitatives Wachstum allein sei kein Qualitätsmerkmal. Der langfristige Erfolg hänge davon ab, ob die Region die Attraktivität ihrer natürlichen und kulturellen Ressourcen schützt, statt sie durch Übernutzung zu verschleißen. Ein gutes Zeichen sei, dass in Winterberg zunehmend auch über Besucherlenkung und Kapazitätsmanagement diskutiert wird. Das zeige ein gewachsenes strategisches Bewusstsein.
Die drei größten Herausforderungen
Die größten Herausforderungen für Orte wie Winterberg liegen nach Zeiss in drei eng miteinander verbundenen Bereichen.
- Erstens im Verkehrs- und Besuchermanagement. An Spitzentagen im Winter und an frequenzstarken Sommerwochenenden stoßen das Straßennetz und die Parkinfrastruktur regelmäßig an ihre Grenzen. Das schädigt nach Zeiss die Erlebnisqualität und verursacht Akzeptanzverluste in der lokalen Bevölkerung.
- Zweitens im Fachkräftemangel, der in der Tourismusbranche flächendeckend und strukturell ist. Laut DEHOGA fehlten in Deutschland 2024 branchenweit mehr als 65.000 Fachkräfte. In ländlichen Mittelgebirgsregionen, wo Wohnraum knapp und das Lohnniveau niedriger als in urbanen Räumen ist, ist die Situation besonders angespannt.
- Drittens stellt sich die Frage der strategischen Ausrichtung. Viele Destinationen investieren in Einzelprojekte, ohne diese in ein übergreifendes Leitbild einzubinden, das Klarheit darüber schafft, welche Art von Tourismus man in zehn Jahren haben möchte und welche bewusst nicht.
Besucherlenkung als zentrale Managementkompetenz
Besucherlenkung wird nach Zeiss in den kommenden Jahren zu einer der zentralen Managementkompetenzen für Destinationen. Und zwar nicht als Reaktion auf Ausnahmesituationen, sondern als dauerhaftes Steuerungsinstrument. Destinationen, die hier früh handeln, werden einen spürbaren Wettbewerbsvorteil gegenüber jenen haben, die erst reagieren, wenn der Schaden bereits eingetreten ist.
Vorbilder aus anderen Regionen
Mehrere Beispiele hält Zeiss für lehrreich, wenn auch keines eins zu eins übertragbar ist. Südtirol sei als Destination besonders interessant, weil die Region seit Jahren konsequent auf Qualität statt Quantität setzt. Strenge Regulierung von Bettenkapazitäten, gezielte Förderung regionaler Kreisläufe und ein überzeugend kommuniziertes Nachhaltigkeitsprofil hätten Südtirol zu einer der wertschöpfungsstärksten Tourismusdestinationen Europas gemacht.
Der Bregenzerwald in Vorarlberg zeige, wie handwerkliche Tradition, Architektur und sanfter Naturtourismus zu einem eigenständigen, unverwechselbaren Destinationsprofil werden können, das Qualitätsgäste anzieht und gleichzeitig die Lebensqualität der Bevölkerung schützt. Aus dem Alpenraum ist nach Zeiss das Engadin in der Schweiz bemerkenswert, wo Mobilitätskonzepte mit strikten Fahrverboten und ausgebautem ÖPNV seit Jahrzehnten zeigen, dass Restriktionen keine Nachfragerückgänge erzeugen, sondern die Qualitätswahrnehmung stärken.
Sechs Handlungsempfehlungen für die nächsten zehn bis 15 Jahre
Für eine Tourismusregion wie Winterberg formuliert Zeiss konkrete Empfehlungen.
- Erstens ein klares, partizipativ entwickeltes Leitbild, das nicht Wachstum, sondern Qualität und Resilienz als Ziele definiert und von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung gemeinsam getragen wird. Das klinge allerdings leichter, als es ist.
- Zweitens ein konsequentes Besucherstrommanagement auf technologischer Basis, das Spitzenbelastungen aktiv reguliert und die Erlebnisqualität auch an hochfrequentierten Tagen sicherstellt.
- Drittens eine deutliche Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs bei der Anreise in die Region, verbunden mit attraktiven Anreizen für relevante Zielgruppen, auf das Auto zu verzichten.
- Viertens die systematische Entwicklung von Angeboten in der Schulter- und Nebensaison, um saisonale Spitzen zu entlasten und die wirtschaftliche Basis für Betriebe zu stabilisieren.
- Fünftens die Investition in regionale Wertschöpfungsketten. Gäste, die regionale Lebensmittel konsumieren, regionale Betriebe nutzen und regionale Kultur erleben, hinterlassen mehr Wert pro Aufenthalt und belasten die Infrastruktur weniger als schnell wechselnde Tagesgäste.
- Für Zeiss als Nachhaltigkeitsexperten vielleicht am wichtigsten ist sechstens eine ehrliche und kontinuierliche Klimafolgenanalyse, die Szenarien für unterschiedliche Schneejahre durchspielt und daraus konkrete Handlungsoptionen ableitet, anstatt auf Normalschnee zu hoffen.
Gewinner oder Verlierer des touristischen Wandels
Ob klassische Mittelgebirgsregionen langfristig eher Gewinner oder Verlierer des touristischen Wandels sein werden, lässt sich nach Zeiss nicht pauschal beantworten. Der Wandel trifft die Regionen nicht gleichermaßen, sondern je nach Ausgangslage, Strategiefähigkeit und Ressourcenausstattung sehr unterschiedlich.
Grundsätzlich haben deutsche Mittelgebirgsregionen nach Zeiss strukturelle Vorteile, die im touristischen Wandel an Wert gewinnen. Dazu zählen kurze Anreisedistanzen aus dicht besiedelten Ballungsräumen, intakte Naturlandschaften, eine wachsende Nachfrage nach naturnaher Erholung und ein anhaltend hohes Interesse am Inlandstourismus, das seit der Pandemie strukturell gestärkt ist. Regionen wie der Schwarzwald, der Harz, das Allgäu und auch das Sauerland ziehen jährlich zweistellige Millionenzahlen an Übernachtungen an, und diese Nachfragebasis ist robust.
Verlierer werden nach Zeiss jene Orte sein, die an einer schneeabhängigen Angebotsstruktur festhalten, Verkehrsprobleme und Übernutzung nicht aktiv adressieren und kein unverwechselbares Profil entwickeln, das sie von Konkurrenten unterscheidbar macht. Gewinner werden Regionen sein, die jetzt in Qualität, Steuerungskompetenz und Resilienz investieren.
Quelle: Interview von Benedikt Schülter mit Prof. Harald Zeiss, erschienen in der Westfalenpost, Ausgabe Winterberg, Medebach, Hallenberg, am 11. Juni 2026, unter dem Titel „Schnee, Verkehr, Fachkräfte: Hier entscheidet sich Winterbergs Zukunft“.

